
Für die einen gehört es zum Sommer dazu. Für die anderen sind Extrem-Temperaturen bis zu 40 Grad nicht mehr normal für unsere Breitengrade – und ein deutliches Zeichen, dass sich der Klimawandel allmählich bemerkbar macht. Wie auch immer man das bewerten mag – die außergewöhnliche Hitze ist für viele Menschen unbestritten eine starke Belastung. Und wenn sie erneut bei uns ankommen wird, sollte die Bevölkerung gewappnet sein.
Die Kreisverwaltung Mettmann hat deshalb einen Hitzeaktionsplan erstellt und bei der vergangenen Kreistagssitzung am 16. Juli 2026 präsentiert.
Hier eine Auswahl an Maßnahmen aus dem umfangreichen Katalog:
Zentrale Koordinierung und interdisziplinäre Zusammenarbeit
- Klimarisikoanalyse (inkl. Starkregengefahrenkarte & Versiegelungskataster) und Aktualisierungen – Klimabezogene Risiken wie Hitze, Starkregen und Versiegelung werden systematisch erfasst und räumlich dargestellt. Auch besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen und kritische Infrastruktur werden berücksichtigt, um Maßnahmen gezielt zu planen und zu priorisieren.
- Schaffung einer dauerhaften zentralen Anlaufstelle für die Hitzeaktionsplanung – Eine Hitzebeauftragte oder ein Hitzebeauftragter bündelt Informationen, koordiniert Maßnahmen und dient als zentrale Ansprechperson für interne und externe Akteure.
- Regelmäßiger Austausch zwischen Kreis und kreisangehörigen Städten – Der regelmäßige Austausch soll den Hitzeschutz in bestehende Beratungsangebote integrieren und bestehende Netzwerke stärken.
- Maßnahmen-Toolbox – Eine digitale Toolbox des Klima.Werk wird allen kreisangehörigen Städten zur Verfügung gestellt und soll für einen einheitlichen Informationsstand sowie eine gemeinsame Dokumentation sorgen.
Nutzung des Hitzewarnsystems
- Sicherstellung eines funktionierenden Hitzewarnsystems – Hitzewarnungen des Deutschen Wetterdienstes sollen bei Bedarf gezielt an besonders gefährdete Gruppen und zuständige Einrichtungen weitergeleitet werden.
- Hitzetelefon – Das bestehende Servicetelefon des Kreises dient als Anlaufstelle für Fragen zu Hitze und Gesundheit. Eine spezialisierte Kontaktstelle wird perspektivisch geprüft.
- Aktivierung von Hitzepatenschaften („Hitzetelefon plus“) bzw. proaktive soziale Unterstützung – Ehrenamtliche, Nachbarschaften und soziale Netzwerke sollen gefährdete Menschen während Hitzewellen unterstützen. Denkbar sind unter anderem Hitze-Buddys, mobile Helfer oder Telefonketten.
- Sicherstellung der Versorgung von massenhaft anfallenden Hitzerkrankten – Notfall- und Katastrophenschutzpläne werden mit Blick auf extreme Hitzeereignisse überprüft und weiterentwickelt. Auch Krisenstabsübungen sind vorgesehen.
- Verbesserung der Gefahrenabwehrplanung und Notfallpläne – Bestehende Katastrophenschutzkonzepte sollen gemeinsam mit kritischen Einrichtungen analysiert und bei Bedarf angepasst werden, um die Versorgung bei gehäuften Hitzeerkrankungen sicherzustellen.
Information und Kommunikation
- Webseite als Informationsknotenpunkt zu Hitze, Hitzeschutz und Gesundheit – Die Webseite hitze.me wird als zentrale Plattform mit Verhaltenstipps, Karten zu kühlen Orten und Kontaktmöglichkeiten weiterentwickelt.
- Verbreitung von Informationsmaterial und Verhaltensempfehlungen – Flyer und Plakate zum richtigen Verhalten bei Hitze werden über Ärztinnen und Ärzte, Krankenhäuser, Schulen, Kitas, Pflege- und soziale Einrichtungen verbreitet und regelmäßig aktualisiert.
- Sensibilisierung der Bevölkerung über Informationskampagnen und Bürgerbeteiligung – Bürgerinnen und Bürger sollen bei Veranstaltungen und über weitere Beteiligungsformate direkt über Hitzeschutz informiert und für das Thema sensibilisiert werden.
- Zusammenstellung „kühler Orte“ inklusive Bürgerbeteiligung – Eine digitale Karte sammelt kühle Orte sowie Möglichkeiten zum Abkühlen und Trinken und wird durch Hinweise von Bürgerinnen und Bürgern ergänzt.
- Umgang mit invasiven Arten – Informationen, Beteiligungsformate und Konzepte sollen über Arten wie Tigermoskito, Eichenprozessionsspinner oder Ambrosia informieren und gesundheitliche Risiken wie Allergien und Infektionen reduzieren.
- Sensibilisierungskampagnen für Sportvereine – Vereine sollen über gesundheitliche Risiken intensiver sportlicher Aktivität bei Hitze informiert und bei der Anpassung von Trainingszeiten unterstützt werden.
- Apotheken als Fachexpertinnen für Hitzeschutz – Apotheken sollen als vertrauensvolle Anlaufstellen gewonnen werden und während Hitzeperioden über gesundheitliche Risiken und Prävention informieren.
- Hitze- und Klimabewusstsein im Kita- und Schulalltag fördern – Hitze- und klimasensible Unterrichtseinheiten, Projekttage und weitere Lernformate sollen Kindern Wissen über Hitze vermitteln und praktische Schutzmaßnahmen näherbringen. Hitzescouts sollen über Gefahren informieren, Betroffene ansprechen und Hitzewarnungen sowie Tipps zum Schutz vor Hitze weitergeben.
- Sensibilisierung der ortsansässigen Wirtschaft und ihrer Beschäftigten – Unternehmen sollen zu Hitzeschutz, Arbeitsorganisation und baulichen Anpassungen beraten werden, um gesundheitliche Risiken und betriebliche Ausfälle zu reduzieren.
- Curriculum „Erste Hilfe“ – In Erste-Hilfe-Kursen sollen Sofortmaßnahmen bei Hitze und das Erkennen eines Hitzekollapses vermittelt werden.
Reduzierung von Hitze in Innenräumen bei besonderer Beachtung von Risikogruppen
- Öffentliche Gebäude als kühlende Zufluchtsorte – Bibliotheken, Rathäuser, Gemeindezentren oder Museen sollen während Hitzeperioden als kühle Aufenthaltsorte mit Trinkwasser sowie Sitz- und Ruhemöglichkeiten geöffnet werden.
- Hitzestandards in Senioren- und Pflegeeinrichtungen in Kitas, Schulen und Bildungseinrichtungen sowie bei ambulanten Pflegediensten – Hitzeschutz soll in Qualitätsmanagement, Organisationsabläufe und Schulungen integriert werden, um gesundheitliche Komplikationen bei älteren Menschen zu reduzieren.
- Hitzereduzierende Maßnahmen in sozialen Einrichtungen, Kitas und Schulen sowie auf öffentlichen Spielplätzen – Bauliche Anpassungen wie Verschattung, Entsiegelung, Begrünung, Trinkwasserspender und passive Kühlung sollen unterstützt und durch Fördermöglichkeiten begleitet werden.
- Schulungsoptionen für Betreuungs-, Pflege- und Verwaltungspersonal in WTG-Einrichtungen – Bedarfsorientierte Schulungs- und Onlineangebote zu speziellen Hitzeschutzthemen sollen entwickelt werden.
- Empfehlungen für Personal in Therapie- und Beratungseinrichtungen sowie Kliniken für psychisch kranke Menschen – Für diese Einrichtungen sollen spezifische Empfehlungen entwickelt werden, die besondere gesundheitliche Risiken und den Einfluss von Medikamenten berücksichtigen.
- Sensibilisierung suchtkranker Menschen in Einrichtungen – Strukturen zur besseren Ansprache suchtkranker Menschen sollen aufgebaut werden, um hitzebedingte Gesundheitsrisiken in dieser besonders gefährdeten Gruppe zu reduzieren.
- Schulung der Ärzteschaft und Multiplikatorinnen und Multiplikatoren zur Hitzevulnerabilität bei chronischen Erkrankungen – Fortbildungen sollen eine bessere Beratung und Behandlung hitzegefährdeter Patientinnen und Patienten ermöglichen.
- Aufsuchende Unterstützung von Obdachlosen im öffentlichen Raum – Obdachlose sollen während Hitzeperioden gezielt aufgesucht und betreut werden. Vorgesehen sind unter anderem Trinkwasser, Hygieneangebote und sichere Aufenthaltsorte.
Vorbereitung der Gesundheits- und Sozialsysteme
- Kompetenzerweiterung des Rettungsdienstes – Rettungsdienst und weitere Akteure erhalten zusätzliche Schulungen zu hitzebedingten Notfällen, Früherkennung und geeigneten Erstmaßnahmen.
- Anpassung von Öffnungs-, Service- und Fahrdienstzeiten in sozialen Einrichtungen – Öffnungszeiten und Serviceangebote sollen an Hitzebelastungen angepasst werden, um unnötige Wege in der größten Tageshitze zu vermeiden.
- Unterstützung bei der Realisierung der angepassten Arbeitsstättenverordnung – Betriebe sollen bei der Umsetzung der Anforderungen an klimatische Belastungen, bei Begehungen und bei Fragen zum Hitzeschutz unterstützt werden.
Langfristige Stadtplanung und Bauwesen
- Erweiterung von Trinkwasserangeboten an öffentlichen Orten – Das Netz frei zugänglicher und hygienisch abgesicherter Trinkwasserangebote soll ausgebaut werden, insbesondere für vulnerable und mobilitätseingeschränkte Menschen.
- Wassermanagement für Nicht-Trinkwasserzwecke – Trinkwasserressourcen sollen geschont werden. Geprüft werden Wassersparregelungen und alternative Systeme wie Regen- und Grauwassernutzung.
- Entsiegelungskonzept sowie Entsiegelungs- und Begrünungsmaßnahmen – Ein Konzept soll Potenziale für Entsiegelung und Begrünung aufzeigen. Die Maßnahmen sollen Wärmeinseln reduzieren und die Regenwasserbewirtschaftung verbessern.
- Weitere langfristige kommunale Planungs- und Anpassungsmaßnahmen – Hitzeschutz und Klimaanpassung sollen dauerhaft in Planungsprozesse etwa für Schulen, Pflege, Sport und Tourismus integriert werden.
Monitoring und Evaluation der Maßnahmen
- Monitoring- und Evaluationskonzept – Die Wirksamkeit der Maßnahmen soll anhand geeigneter Indikatoren und Erfahrungswerte regelmäßig überprüft und weiterentwickelt werden.
- Erweiterung der Datengrundlage – Hitzebedingte Erkrankungen und Auswirkungen auf die Gesundheit sollen künftig systematischer erfasst und ausgewertet werden, um Prävention, Ressourcenplanung und Gesundheitskommunikation auf eine bessere Datenbasis zu stellen.
Da hat sich die Kreisbehörde allerhand vorgenommen.
Und dennoch: die Grünen im Kreistag fordern noch mehr: „Es reicht nicht aus, Handlungsempfehlungen zu formulieren“, sagt Schabestan Gafori, stellvertretende Fraktionsvorsitzende. „Kitas kämpfen mit Raumtemperaturen von über 35 Grad. Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser stehen ohnehin unter Personalmangel und sind während Hitzewellen zusätzlich belastet. Jetzt müssen konkrete Schutzmaßnahmen folgen.“
Der Schutz besonders gefährdeter Menschen müsse dauerhaft Priorität einnehmen: „Die gesundheitlichen Folgen extremer Hitze wurden lange unterschätzt. Heute wissen wir, dass Hitze eine ernstzunehmende Gefahr für die Gesundheit vieler Menschen ist. Deshalb muss aus dem Plan nun konsequentes Handeln werden,“ so Gafori.
Wird dies mit diesem Plan gelingen? Das werden die Erfahrungswerte zeigen.
Bericht: KA
Foto: anzeiger24.de / KI generiert
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